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Hallo Leute!
Beim Lesen dieses Threads bin ich zum Teil doch über hahnebüchende Unwissenheit und falsche Aussagen gestolpert, weswegen ich das hier einmal aufklären möchte.
Eines vorweg:
Es gibt Gölfe mit mechanischem Bremskraftregler sowohl mit ABS als auch ohne. Und zwar hängt das vom Baujahr ab.
Die ersten Golf, in denen ABS bestellbar war, waren die Golf II ab MJ 86. Diese Fahrzeuge hatten das Dreikanal-4-Sensoren-ABS Conti-Teves Mark 2. Das regelt vorne radselektiv und hinten nach einer "Select-Low"-Variante die Hinterachse gemeinsam auf das Hinterrad mit dem geringeren Reibbeiwert. Die Bremskraftverstärkung findet hier hydraulisch statt und einen Hauptbremszylinder in herkömmlichen Sinne gibt es hier nicht, auch keine Diagonalaufteilung. Bremszylinder, Vertärker und Ventilblock bilden hier eine große Einheit, die direkt am Bremspedal sitzt.
Die Grundbremskraftverteilung vorne hinten wird bei diesem ABS durch die ABS-Hydraulik-Einheit erzeugt. Der Bremsdruck der Hinterachse wird im Normalfalle rein hydraulisch brake-by-wire-mäßig in Abhängigkeit des Vorderradbremsdruckes vom ABS-Modul erzeugt. Zum Hauptbremszylinder bzw. zum Bremspedal besteht überhaupt keinerlei mechanische Verbindung. Daher bremsen diese Fahrzeuge bei einem Ausfall des ABS oder bei ausgeschalteter Zündung auch nur noch an der Vorderachse. Zum zweiten erkennt man das daran, dass das Entlüften der Hinterachse über die herkömmliche Methode mit der Pumptechnik so dort nicht funktioniert.
Um die Hinterachse nun aber präziser an den Beladungszustand anzupassen, ist die Grundbremsverteilung auf den vollbeladenen Fahrzeugzustand ausgelegt und wird bei leerem Fahrzeug durch den hier oft erwähnten mechanischen Bremskraftregler abhängig der Hinterachsbeladung gemindert. Andererseits ist hier ein Überbremsen eh nicht ganz so kritisch, weil dann sofort das ABS eingreift, es handelt sich eher um eine Grundvoreinstellung des Hinterachsbremsdruckes passend zur angenommenen Fahrzeugbeladung!
Das Mark 2 wurde in allen Golf II, im Corrado und in früheren Passat 35I verbaut, später auch als Mark 3 mit EDS.
Aber diesen ABS-Systemen ist allen gemeinsam, dass sie noch einen mechanischen Bremskraftregler besitzen.
Eine Sonderstellung hat dann der Golf III.
Bis Modelljahr 1995 wurde das Conti/Teves Mark IV verbaut, welches im Gegensatz zum Mark 2/3 ein echtes Vierkanal-4-Sensoren-ABS ist. Das bedeutet, dass auch die Hinterachse radselektiv im ABS eingeregelt wird und in Diagonalaufteilung herkömmlich zwei Bremskreise entstehen. Die Trennung von Hauptbremszylinder und ABS-Einheit ermöglicht auch weitreichende Mögtlichkeiten und Kombinationen für verschiedene Bremskraftverteilungen, die damit deutlich optimaler gestaltet werden können. Das Mark 4 hat noch eine herkömmliche Bremsenauslegung auf Volllast an der Hinterachse und eine Anpassung an die tatsächliche Zuladung über den allseits bekannten Bremskraftregler.
Erst mit dem Modelljahr 1995 setzte das Conti-Teves Mark20-I Schaltblende ein, welches grundlegend renoviert wurde. Das setzte dann auch im Facelift-35i 3A0 und später auch im Polo 6N ein, im Corrado bis Baueende 1995 nie.
Dieses ABS ist grundlegend neu konstruiert. Es beinhaltet nun eine EBV, eine elektronische Bremskraftverteilung. Die Grundaufteilung ist auch hier wieder diagonal und vorne/hinten über die Hauptbremszylinderverhältnisse. Allerdings ist im ABS-Hydraulik-Block ein Druckminderer für die Hinterachse bereits integriert, der anhand von Schlupfbeobachtungen ein Überbremsen der HA deutlich schneller und präziser verhindern kann als die mechanische alte Lösung. Warum sollte man also ein deutlich schlechteres und mechanisches und zudem fürchterlich teures System weiter bauen, wenn es mit einem Bruchteil an Bauteilen und einer elektronischen Regelung zig Fach besser geht?
Also haben alle Fahrzeuge ab MJ 95 im Golf mit dem Mark 20 KEINEN Bremskraftregler mehr an der Hinterachse, der 3A0 und der 6N auch nicht mehr!!!
Wenn jetzt hier aber das ABS ausfällt, dann ist tatsächlich auch die EBV aus. Und dann passt die Grundbremskraftverteilung des Systems für viele Fahrzustände, es kommt aber dann auch vor, dass es bei einigen nicht passt und die HA überbremst. Der Golf IV verwendet das Mark 20IE, eine Weiterentwicklung zu sauberen und schnelleren ABS-Regelalgorithmen und Integration der CAN-Kommunikation zum Motorsteuergerät zur Realisierung der ASR zusätzlich zur EDS.
Erst mit Einführung des ESP zum MJ 2000 setzte das immer noch im Golf V verbaute Mark 60 mit ESP-Funktionalität ein. Diese Autos haben allesamt KEINEN Bremskraftregler mehr. Die Deaktivierung des ABS ist gänzlich unsinnig und daher auch nicht mehr so möglich. Jedes abnehmen einer Spannungsversorgung wird spätestens beim Golf IV, wo ABS und Motorsteuergerät über den Antriebs-CAN kommunizieren, zu abgelegten Fehlern führen, wenn man Sicherungen zieht oder sonst etwas.
Das ist auch gut so!
Viele Grüße,
Matse